Jeder Finanz-Guru predigt dasselbe: "Jeder Euro muss arbeiten!" Geld auf dem Tagesgeld zu parken sei "totes Kapital". Es werde von der Inflation gefressen. Es sei ein mathematischer Fehler.
Das ist mathematisch korrekt.
Und psychologisch vollkommen fatal.
Diese rein mathematische Denkweise ist der Grund, warum die meisten Privatanleger scheitern. Sie optimieren ihre Strategie für den "Normalbetrieb" (steigende Märkte), vergessen aber, sie für den "Ausnahmezustand" (die Krise) zu wappnen. Und an der Börse gewinnt langfristig nicht der Schlauste, sondern der Ruhigste.
Der Mythos vom "toten Kapital"
Natürlich: Wenn Sie 20.000 € auf dem Tagesgeld liegen haben, verlieren Sie bei 2,5% Inflation jedes Jahr 500 € an Kaufkraft. Hätten Sie das Geld in Ihren "Autopilot-ETF" investiert, hätten Sie im selben Jahr vielleicht 7% Rendite gemacht. Ein rechnerischer "Verlust" von fast 2.000 €! So lautet die Rechnung der Excel-Tabellen.
Diese Rechnung ignoriert jedoch den wichtigsten Faktor: Sie. Den Menschen.
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:
Ein Anleger hat auf die Gurus gehört und keinen nennenswerten Puffer. Jeder verfügbare Euro "arbeitet" in seinem ETF-Depot (Wert: 100.000 €). Dann kommt der Crash. Die Börse fällt um 40%. Sein Depot ist plötzlich nur noch 60.000 € wert. Panik macht sich breit.
Genau in diesem Moment – Murphys Gesetz – geht die Heizung kaputt, das Auto streikt oder Kurzarbeit droht. Er benötigt dringend 5.000 €.
Was muss er tun? Er hat keine Wahl. Er muss Anteile seines ETFs verkaufen. Er realisiert seine Buchverluste am absoluten Tiefpunkt des Marktes. Er wird vom Leben gezwungen, "Sell Low" zu praktizieren – das exakte Gegenteil von dem, was er tun sollte.
Das Re-Framing
Im EigenMandat betrachten wir die Liquiditätsreserve (Tagesgeld) nicht als Investment. Wir betrachten sie als Versicherungspolice.
Sie zahlen auch für Ihre Auto-Vollkasko eine Prämie, ohne zu hoffen, dass Sie einen Unfall bauen. Sie tun es für die Ruhe.
Die Psychologie der Souveränität
Die paar hundert Euro Kaufkraftverlust durch Inflation auf dem Tagesgeld sind schlichtweg die Versicherungsprämie, die Sie für Ihre psychologische Stabilität zahlen. Es ist die günstigste und wichtigste Versicherung, die Sie jemals abschließen werden.
Der Notgroschen ist Ihr Disziplin-Treibstoff.
Nur wer weiß, dass er 6-12 Monate ohne Depot-Verkauf überleben kann, hat die mentale Kraft, im Crash entspannt zu bleiben, die App zu schließen und nicht panisch zu verkaufen. Und genau dieses "Nicht-Verkaufen" ist das Geheimnis der Rendite.
Wie viel "Treibstoff" brauchen Sie?
Das hängt von Ihrem Sicherheitsbedürfnis ab (Schlaftest). Meine Faustformel für den Start:
- Angestellte: 3 bis 6 Monats-Netto-Gehälter.
- Beamte: 3 Monats-Netto-Gehälter.
- Selbstständige: 6 bis 12 Monats-Ausgaben.
Erst wenn dieser Topf voll ist, fließt der erste Euro in den Wachstums-Topf (den Markt-Motor).